Berliner Salon für jüdische Kultur und Wissenschaft

Die Gastgeberinnen:
Lara Dämmig
, arbeitet bei einer jüdischen Organisation in Berlin und ist Mitbegründerin der jüdischen Fraueninitiative Bet Debora

Nora Pester, Verlegerin des Hentrich & Hentrich Verlags für jüdische Kultur und Zeitgeschichte

Ort:

Myer’s Hotel, Metzer Straße 26, 10405 Berlin-Prenzlauer Berg

Beginn 19 Uhr, Einlass ab 18.30 Uhr, Eintritt frei

Anmeldung erbeten unter info@juedischer-salon.de oder Tel. 0341/581 55 898. Wegen begrenzter Platzzahl werden Anmeldungen entsprechend der Reihenfolge ihres Eingangs berücksichtigt. Wenn alle Plätze vergeben sind, ist auch vor Ablauf der Anmeldefrist keine Anmeldung mehr möglich. Sie werden im Falle einer Absage benachrichtigt. 


15. Salon

Montag, 3. Februar 2020

 

Von Nestsuchern und Nestflüchterinnen

Hazel Rosenstrauch im Gespräch mit Lara Dämmig


Gast des Abends:

Hazel Rosenstrauch wurde 1945 in London geboren und wuchs in Wien auf, wohin ihre Eltern, die nach dem „Anschluss“ aus Österreich geflohen waren, aus dem Exil zurückkehrten. Sie studierte Germanistik, Philosophie und Soziologie an der Freien Universität in Berlin sowie Empirische Kulturwissenschaft an der Universität Tübingen, wo sie promoviert wurde. Sie war als Redakteurin, Journalistin und Autorin tätig und hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, u.a. über die Zeit um 1800 und zum jüdisch-deutschen Verhältnis (Juden Narren Deutsche. Essays, 2010). In ihrem letzten Buch Simon Veit. Der missachtete Mann einer berühmten Frau (2019) widmet sie sich dem ersten Ehemann der feministischen Ikone Brendel Mendelssohn, der späteren Dorothea Schlegel, die aus der Ehe mit ihm ausbrach. Hazel Rosenstrauch revidiert das Bild des langweiligen, uninteressanten Kaufmanns, dessen Verhältnis zu Dorothea Zeit seines Lebens von Besonnenheit, Toleranz und familiärer Verantwortung geprägt war.


14. Salon

Mittwoch, 25. September 2019

 

Jacques Schuster im Gespräch mit Nora Pester

 

Gast des Abends:

Jacques Schuster ist seit 2014 Chefkommentator der WELT-Gruppe und Ressortleiter Politik. Geboren 1965 in Berlin, studierte Schuster Geschichte und Politikwissenschaften am Friedrich-Meinecke-Institut und am Otto-Suhr-Institut in Berlin. Er war Vorsitzender der jüdischen Studenten in Berlin und schon während seines Studiums freier Journalist für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, „Deutschlandradio“, die „Süddeutsche Zeitung“, den „Tagesspiegel“ und „Die Woche“.

Bis zum Abschluss seiner Promotion 1996 arbeitete Schuster für Arnulf Baring am Lehrstuhl für Zeitgeschichte und Internationale Beziehungen. Anschließend war er Redenschreiber und politischer Berater des Regierenden Bürgermeisters von Berlin Eberhard Diepgen. Seit 1998 schreibt Schuster für die WELT, zunächst als Redakteur, dann als Ressortleiter Außenpolitik, als Sachbuch- und Meinungsredakteur und als Leiter der „Literarischen Welt“ unter der Herausgeberschaft von Rachel Salamander. 

In einem 1992 in DIE ZEIT erschienenen Beitrag bezeichnete sich der damals 27-Jährige als Vertreter der „Dritten Generation“, die ihr „Judentum nicht mehr allein von der Identifizierung mit Auschwitz oder von Israel ableiten wolle“. Ihm ginge es vielmehr um die Suche nach „positiven Werten“, ohne zugleich von einer „neuen deutsch-jüdischen Identität“ sprechen zu wollen. Solche Ansätze würden erschwert durch Ereignisse wie in Rostock. „Das dünne Pflänzchen ist noch nicht zertrampelt, aber man rupft daran“.


13. Salon

Mittwoch, 10. Juli 2019

 

Erica Fischer im Gespräch mit Lara Dämmig

 

Gast des Abends:

Erica Fischer wurde 1943 im englischen Exil der Eltern – Mutter Jüdin aus Warschau, Vater Wiener – geboren. Anfang der 1970er Jahre war sie Gründungsmitglied der Neuen Frauenbewegung in Wien. Sie ist Mitbegründerin der feministischen Zeitschrift „AUF-Eine Frauenzeitschrift“ und der feministischen Buchhandlung „Frauenzimmer“. 1988 übersiedelte sie nach Deutschland und lebt und arbeitet als Schriftstellerin, Übersetzerin und Journalistin in Berlin. Sie hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, aktuell „Feminismus Revisited“, ein neugieriger Blick auf den Aufbruch junger Frauen heute. Bekannt wurde sie mit „Aimée & Jaguar. Eine Liebesgeschichte, Berlin 1943“. Das Buch wurde in zwanzig Sprachen übersetzt und verfilmt.


12. Salon

Donnerstag, 8. Februar 2018

 

Der andere Blick

Benyamin Reich im Gespräch mit Nora Pester

 

Gast des Abends:

Der Fotograf Benyamin Reich wurde 1976 in eine chassidische Familie aus Bnei Brak in Israel geboren. Er wuchs als Sohn eines Rabbiners mit elf Geschwistern ohne weltliche Medien auf. Heute erfährt seine künstlerische Arbeit sowohl in den Medien als auch innerjüdisch große Aufmerksamkeit und wird als provokant diskutiert. Der von ihm kürzlich in einem ZEIT-Interview geäußerte  Satz „Die Homophobie haben die Juden erst von den Christen gelernt.“ wurde von der Jüdische Allgemeine zum „Zitat der Woche“ gekürt.

Seine Herkunft bezeichnet Reich als „Motor seiner Kunst“. Obwohl er bereits mit 15 Jahren begann, sich von der ultraorthodoxen, sittenstrengen Welt seiner Kindheit zu lösen, hat er nie mit seiner Familie und seiner Vergangenheit gebrochen. Nach dem Studium an der École des beaux-arts in Paris und der Bezalel-Kunstakademie in Jerusalem lebt und arbeitet er seit 2009 in Berlin.

„Meine Suche nach Selbstentfaltung führte mich schließlich zur Photographie. [Mit ihr] versöhne ich Gegensätze wie Sinnlichkeit und Geistigkeit, Profanes und Geweihtes, Natur und Menschheit. Moderne Nöte, vereint mit mythischen Klängen verschollener Heiligkeit, einander begegnende Kulturen und Weltanschauungen.“, sagt Benyamin Reich über seine Arbeit.


11. Salon

Dienstag, 18. Juli 2017

 

Eine Familie zwischen Stalins Terror und Hitlers Krieg

Anja Schindler im Gespräch mit Lara Dämmig

 

Gast des Abends:

Anja Schindler wurde 1949 als Kind und Enkeltochter von Gulag-Häftlingen in Karaganda (Kasachstan) geboren. 1956 kam sie mit ihren Eltern in die DDR. Von Berlin aus waren ihre Großeltern Anna und Rudolf Tieke, beide Mitglieder der KPD, mit ihren Söhnen Rudi und Günter sowie der Tochter Ulla 25 Jahre zuvor in die Sowjetunion, das vermeintliche Paradies der Arbeiter und Bauern, aufgebrochen. 1937 wurde die Familie Opfer des Großen Terrors. Während die Großmutter und der älteste Sohn vom NKWD erschossen wurden, verbrachte der Großvater 18 Jahre im Gulag und in der Verbannung. Der zweite Sohn wurde 1941 in die Arbeitsarmee rekrutiert und 1947 nach Baschkirien verbannt. Die Tochter, Anja Schindlers Mutter, bei der Verhaftung ihrer Eltern gerade mal 16 Jahre alt, blieb allein auf sich gestellt zurück. Nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion wurde auch sie verhaftet und schließlich 1942 nach Karaganda verbannt. Dort lernte sie nach dem Krieg ihren späteren Ehemann Meir Schwartz kennen, der 1940 aus Rumänien in die Sowjetunion geflüchtet war. Statt des erhofften Schutzes vor antisemitischer Verfolgung, verurteilte ihn das Ministerium für Staatssicherheit zu ursprünglich drei Jahren Arbeitsbesserungslager. Sieben Jahre war er dann Häftling im Gulag und wurde 1947 auf „ewig verbannt“ nach Kasachstan.

 

Anja Schindler, Historikerin und Germanistin, engagiert sich seit Jahren im Arbeitskreis Sowjetexil. Voriges Jahr ist ihr Buch „... verhaftet und erschossen“: Eine Familie zwischen Stalins Terror und Hitlers Krieg erschienen. Zur Zeit arbeitet sie am Manuskript Die drei Leben meines Vaters, das dem Schicksal ihrer jüdischen Familienangehörigen gewidmet ist.


10. Salon

Sonntag, 9. April 2017

 

Marcel Reif im Gespräch mit Nora Pester

 

Gast des Abends:

Marcel Reif ist die unverwechselbare Stimme des deutschen Fußballs. Aus dem politischen Journalismus kommend, ging er 1984 zum Sport und prägte die Fußballberichterstattung in Deutschland wie kein anderer. Witzig, intelligent, scharfzüngig, kompetent und stets unabhängig erntete er viel Anerkennung, aber auch immer wieder heftige Kritik von Funktionären und „Fans“. Für seine Arbeit wurde er mit zahlreichen Preisen, u.a. dem Deutschen Fernsehpreis und dem Adolf-Grimme-Preis, ausgezeichnet. Legendär ist z.B. seine Kommentierung des „Torfalls von Madrid“ 1998, gemeinsam mit Günther Jauch. Soeben ist sein Buch „Nachspielzeit. Ein Leben mit dem Fußball“ erschienen.

 

Marcel Reif wurde 1949 in Polen geboren und wanderte 1956 mit seiner Familie zunächst nach Israel, zwei Jahre später nach Deutschland aus. Er studierte Publizistik, Politikwissenschaft und Amerikanistik und war bis 1984 als Reporter für „heute“ und „heute journal“ des ZDF tätig, u.a. in London. Ab 1984 war er Sportkommentator beim ZDF, anschließend Chef-Sportkommentator bei RTL und Premiere/Sky. Er veröffentlichte zahlreiche Fußballbücher und lebt in der Schweiz.


9. Salon

Donnerstag, 5. Januar 2017

 

Jüdisches Erbe für die Zukunft bewahren

Bente Kahan (Wroclaw/Breslau) im Gespräch mit Lara Dämmig

 

Gast des Abends:

Bente Kahan ist Schauspielerin, Sängerin, Regisseurin und Bühnenautorin und hat sich als Interpretin jiddischer Lieder einen Namen gemacht hat.

Aufgewachsen in Norwegen, lebt sie seit 2001 in Wroclaw/Breslau. Die 2006 von ihr gegründete Bente Kahan Stiftung setzte sich für die Sanierung der 1829 eingeweihten Synagoge zum Weißen Storch ein, die 2010 wiedereröffnet werden konnte und sich inzwischen zu einem lebendigen religiösen und kulturellen Zentrum entwickelt hat, in welchem Ausstellungen, Konzerte, Theateraufführungen und Workshops stattfinden und die Erinnerung an die 800jährige jüdische Geschichte von Breslau/Wroclaw und Niederschlesien gepflegt wird. Vor elf Jahren initiierte Bente Kahan den jährlich stattfindenden „Marsch des gegenseitigen Respekts“ in Erinnerung an das nationalsozialistische Novemberpogrom im Jahr 1938, der auch ein Zeichen gegen Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit setzen möchte. 

Anfang Dezember 2016 wurde Bente Kahan das Bundesverdienstkreuz in Würdigung ihrer Verdienste um die Erinnerung an die Schoa, den Erhalt und die Vermittlung jüdischer Kultur und die jüdisch-deutsch-polnische Verständigung verliehen.


8. Salon

Montag, 4. Juli 2016

 

Wann, wenn nicht jetzt?

Von persönlichen und politischen Wendepunkten und einer Positionsbestimmung des Judentums in der Gegenwart und im interreligiösen Dialog

Micha Brumlik im Gespräch mit Nora Pester

 

Gast des Abends:

Micha Brumlik ist emeritierter Professor am Institut für Allgemeine Erziehungs­wissenschaft der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt/M. und seit Oktober 2013 Senior Advisor am Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg.

Er war u.a. Leiter des Fritz-Bauer-Instituts Frankfurt/M. und Stadtverordneter der Grünen in Frankfurt und ist u.a. Mitherausgeber von „BABYLON – Beiträge zur jüdischen Gegenwart“, der „Blätter für deutsche und internationale Politik“ sowie Kolumnist der taz. Er veröffentlichte zahlreiche Sachbücher, Essays und Artikel zum Judentum in Vergangenheit und Gegenwart. Für sein jahrzehntelanges Engagement im jüdisch-christlichen Dialog wurde er 2016 mit der Buber-Rosenzweig-Medaille des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit geehrt.

 

Geboren 1947 in der Schweiz, wohin seine Eltern während der Nazi-Zeit emigriert waren, kehrte Micha Brumlik 1952 mit seinen Eltern nach Frankfurt zurück. Er wurde Mitglied einer zionistischen Jugendbewegung und ging nach dem Abitur in einen Kibbuz nach Israel. Nach zwei Jahren verließ er das Land als „Anti-Zionist“. Heute bezeichnet er sich als „Post-Zionisten“ und überzeugten Diaspora-Juden. In den 1980er Jahren gründete er mit Freunden einen interkonfessionellen Bibelkreis. Nach zehn Jahren hatten sie „das ganze Alte Testament und fast das ganze Neue Testament gelesen“, sagt er stolz. 1981 wurde Brumlik Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Heidelberg, ab 2010 in Frankfurt am Main. Er engagierte sich für die Grünen in der Kommunalpolitik, trat aber 1991 aus der Partei aus, weil er deren Ablehnung von Waffenlieferungen an Israel kritisierte. Heute lebt Brumlik in Berlin, wo er besonders die Vielfalt jüdischen Lebens schätzt. Für ihn ist die Religion „der Kern“ seines Jüdisch-Seins. Er ist bekannt für seine scharfe Analyse politischer Debatten und äußert sich regelmäßig zu aktuellen gesellschaftlichen Fragen.


7. Salon

Donnerstag, 19. Mai 2016

 

Historische Lehren leben

Petra Pau, Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, im Gespräch mit Lara Dämmig

 

Gast des Abends:

Petra Pau ist seit 2006 Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, dem sie seit 1998 als Abgeordnete der PDS, später der Linken, angehört. Sie ist u. a. Mitglied im Kuratorium der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Berlin e.V., im Kuratorium der Heinz-Galinski-Stiftung und Mitbegründerin der Inter-parliamentary Coalition for Combating Antisemitism (Interparlamentarische Koalition zur Bekämpfung von Antisemitismus). 

Als Politikerin engagiert sich Petra Pau seit Jahren auf vielfältige Weise gegen Antisemitismus, Rassismus und Rechtsextremismus, für die Gestaltung eines vielfältigen jüdischen Lebens in Deutschland und für ein konstruktives Verhältnis zum Staat Israel. Die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit ist ihr ein wichtiges Anliegen. „Es geht mir beim Erinnern an die Gräuel, ja bislang einmaligen Verbrechen des sogenannten Nationalsozialismus 1933 bis 1945, nicht um Gedächtnis-Training. Sondern immer darum, dass sich so etwas nie wiederholen darf. Und das heißt auch: Nie wieder darf sich eine Mehrheit finden, die ein menschenverachtendes System, wie das der Nazis, duldet oder gar stützt. Es geht um uns und jetzt.“, betonte Petra Pau kürzlich auf einer Gedenkveranstaltung anlässlich der Befreiung vom Nationalsozialismus.


6. Salon

Donnerstag, 7. April 2016

 

Journalismus in Zeiten von „Lügenpresse“ und Shitstorms.

Wie viel Meinung können wir uns noch leisten?

Claudia Keller (Der Tagespiegel) und Alan Posener (Die Welt) im Gespräch mit Nora Pester

 

„Leider erreichen uns zu diesem Thema so viele unangemessene, beleidigende oder justiziable Forumsbeiträge, dass eine gewissenhafte Moderation nach den Regeln unserer Netiquette kaum mehr möglich ist.“

Immer öfter werden öffentliche Kommentarfunktionen zu journalistischen Beiträgen über aktuelle politische und gesellschaftliche Themen in Online-Medien mit einem solchen Hinweis deaktiviert. Doch egal ob klassischer oder Online-Journalismus: Inhaltliche Debatten und konstruktive Medienkritik werden mehr und mehr von Hass und Hetze verdrängt. „Mut zur Wahrheit“ titeln die AfD und ihr nahestehende Medien ihre „Aufklärungskampagnen“ und bekräftigen damit ihren Anspruch auf eine absolute Wahrheit.

Wie beeinflusst diese Entwicklung das journalistische Tagesgeschäft nach innen und außen? Verändert sich das journalistische Selbstverständnis im Ringen um Glaubwürdigkeit und Vertrauen? Wie viel Dialog ist möglich und wie viel Abgrenzung nötig, um sowohl Objektivität zu bewahren als auch Meinungen zuzulassen? Wie kann der Qualitätsjournalismus gegen Rechtfertigungsdruck und Selbstzensur standhalten?

Darüber möchten wir an diesem Abend mit zwei, auch im Meinungsjournalismus erfahrenen Redakteuren diskutieren.

 

Gäste des Abends: 

Claudia Keller, geboren 1968, studierte Geschichte, Germanistik und Politik in Köln und den USA. Sie ist Redakteurin beim Berliner Tagesspiegel und schreibt vor allem über aktuelle religiöse und soziale Themen.

 

Alan Posener, geboren 1949 in London, studierte Germanistik und Anglistik in Berlin und Bochum, war u. a. Kommentarchef der Welt am Sonntag und ist heute Korrespondent für Politik und Gesellschaft der Welt-Gruppe


5. Salon

Dienstag, 26. Januar 2016

 

„Stille Post“

Christina von Braun im Gespräch mit Lara Dämmig

 

Gast des Abends:

Christina von Braun, Professorin für Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin. Autorin, Filmemacherin. Schwerpunkte: Mentalitäts- und Geschlechtergeschichte, Antisemitismus, Schrift- und Medientheorie. Mitgründerin und Direktoriumsmitglied des Zentrums Jüdische Studien Berlin-Brandenburg. Sigmund Freud Kulturpreis 2013.

Christina von Braun veröffentlichte 2007 das Buch „Stille Post“, in dem sie die Geschichte der Frauen ihrer Familie erzählt. In ihr spiegelt sich die widersprüchliche deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts wider. Auf der väterlichen Seite preußischer Landadel, ein konservativer Großvater, der mit dem Kaiser und dem Gedanken des deutschen Reichs identifiziert war. Im Ersten Weltkrieg wurde er zum ersten deutschen Pressesprecher Deutschlands, als Landwirtschaftsminister gehörte er dem letzten Kabinett der Weimarer Republik an. Auf der mütterlichen Seite eine Großmutter, die, schon im Ersten Weltkrieg als junge Frau verwitwet, allein zwei Kinder aufzog und zur ersten Generation der Frauen gehörte, die das Stimmrecht hatten. Sie wurde früh politisch aktiv, saß in der Bezirksverordnetenversammlung von Charlottenburg, gründete einen einflussreichen Hausfrauenverband, leitete einen Verlag sowie mehrere Publikationsreihen und gehörte zu den aktiven Frauenrechtlerinnen der Weimarer Zeit. Nach 1933 wurde ihr Hausfrauenverband von den Nazis übernommen, ihr Verlag „arisiert“, und zum ersten Mal wurde sie sich ihrer jüdischen Herkunft schmerzlich bewusst. 1943 schloss sie sich der Widerstandsgruppe „Freies Deutschland“ an, die von Kommunisten, Sozialdemokraten und Bürgerlichen gegründet worden war. Im Sommer 1944 flog die Gruppe auf; im September wurde ihr Leiter Franz Jakob hingerichtet. Am selben Tag wurde Hildegard Margis von der Gestapo verhaftet und starb kurz danach im Gefängnis Barnim-Straße.

 

Über das Leben ihrer Großmutter wusste Christina von Braun nur sehr wenig. In der Familie gab es eine Art „blinden Fleck“ um das Leben dieser Frau. Im Jahr 2000 machte sie sich an die Recherchen. Schon lange vorher auf dem Gebiet der Frauenfragen und der Jüdischen Studien aktiv, erschienen ihr diese Interessen nun wie ein unbewusstes Vermächtnis der Großmutter.


4. Salon

Donnerstag, 3. Dezember 2015

 

Ein Brasilianer in Berlin

Der Schriftsteller Rafael Cardoso im Gespräch mit Nora Pester

 

Gast des Abends:

Rafael Cardoso, geboren 1964 in Rio, aufgewachsen in den USA, lebt seit 2012 in Berlin. Cardoso ist in Brasilien vor allem als Kunsthistoriker und Kurator bedeutender Ausstellungen bekannt. Er veröffentlichte zahlreiche Werke zur Geschichte der brasilianischen Kunst und zur Theorie des Designs sowie drei Romane, wovon „Sechzehn Frauen“ 2013 in deutscher Übersetzung erschien. In Berlin schrieb er die letzten Jahre an einem Buch über seine Familie, das 2016 erscheinen wird. 

Cardosos Urgroßvater war der Kunstsammler, Bankier und Politiker Hugo Simon. Er zählte zu den prominentesten Persönlichkeiten des Berliner Kulturlebens in der Weimarer Republik. In seinem Haus trafen sich u.a. Bertolt Brecht, Erich Maria Remarque, Alfred Döblin, Arnold Zweig, Heinrich Mann, Stefan Zweig und Carl Zuckmayer, bildende Künstler wie Max Pechstein, Oskar Kokoschka und George Grosz, die Schauspielerin Tilla Durieux, die Verleger Samuel Fischer, Paul Cassirer, Ernst Rowohlt und die Ullsteinbrüder sowie der preußische Ministerpräsident Otto Braun. Hugo Simon war mit Albert Einstein, Karl Kautsky und Thomas Mann befreundet. Else Lasker-Schüler widmete ihm ein Gedicht. 1933 emigrierte er mit seiner Frau nach Frankreich, wo er erneut ein Bankhaus gründete, die Flüchtlingshilfe unterstützte und sich als Gründungsmitglied einer pazifistischen Organisation engagierte. 1941 gelang beiden die Flucht über Spanien nach Brasilien, wo sich Hugo Simon fortan der Seidenraupenzucht widmete. Er starb 1950 in São Paulo.

 

Rafael Cardoso hat erst spät von seiner deutschen Abstammung und seinem Urgroßvater erfahren. Wie er sich diesem Familiengeheimnis annäherte, welche Erfahrungen er auf seiner Spurensuche gemacht hat und wie ein Leben von Exil zu Exil auch ihn prägte, darüber wollen wir an diesem Abend ebenso sprechen wie über Einwanderungs-gesellschaften, den Umgang mit Geschichte und Erinnerung in Deutschland und Brasilien, und natürlich darüber, wie er als Brasilianer mit deutsch-jüdischen Wurzeln das heutige Berlin sieht.

Der Titel des Abends ist dem gleichnamigen Buch des bekannten brasilianischen Schriftstellers João Ubaldo Ribeiro entliehen.    


3. Salon

Donnerstag, 3. September 2015

 

Vergangenheit und Zukunft des liberalen Judentums

Rabbiner Walter Jacob im Gespräch mit Nora Pester

 

Gast des Abends: 

Rabbiner Walter Jacob, 1930 in Augsburg geboren, zählt zu den bedeutendsten Rabbinern des amerikanischen Reformjudentums. Er ist Experte für jüdisches Religionsrecht und hat maßgeblich zu Wiederbegründung des liberalen Judentums in Deutschland ab den 1990er Jahren beigetragen.
Walter Jacob repräsentiert die 16. Generation einer deutschen Rabbinerfamilie. Sein Vater Ernst Jacob war Rabbiner in Augsburg, sein Großvater Benno Jacob in Göttingen und Dortmund. Benno Jacob gilt als einer der großen Bibelkommentatoren des liberalen Judentums in Deutschland. Das Standardwerk „Israelitische Religionslehre“ von Ernst Jacob ist soeben wieder in einer Neuausgabe erschienen. 
Wir blicken im Gespräch mit Rabbiner Jacob jedoch nicht nur in die Vergangenheit, sondern gehen auch der Frage nach, welche Bedeutung und Aufgabe dem liberalen Judentum vor diesem historischen Hintergrund im 21. Jahrhundert zukommt.


2. Salon

Dienstag, 9. Juni 2015

 

Familienerbe

Annette Leo im Gespräch mit Lara Dämmig

 

Gast des Abends: 

Annette Leo wurde 1948 in Düsseldorf geboren und kam 1952 mit ihren Eltern in die DDR. Nach dem Studium der Geschichte und Romanistik an der Humboldt-Universität zu Berlin arbeitete sie als Journalistin bei verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften und promovierte Ende der siebziger Jahre über das Thema: „Spanische Arbeiterkommissionen im Kampf gegen das Franco-Regime“. Zahlreiche Publikationen, darunter „Briefe zwischen Kommen und Gehen“, Berlin 1992 (über ihren Großvater), „Erwin Strittmatter – Die Biografie“, Berlin 2012, Mitarbeit an dem Film „Im Schatten des GULag“.

 

1972 bekam Annette Leos Vater einen Anruf von einer Frau aus Rheinsberg, die im Haus ihrer Eltern ein Paket mit Briefen, Fotos, Zeugnissen und Urkunden gefunden hatte, auf denen immer wieder der Name „Leo“ auftauchte. Dieses Paket hatte, was beide nicht wussten, der Großvater von Annette Leo, der Rechtsanwalt Wilhelm Leo, 1933 vor der Flucht nach Frankreich den Eltern der Finderin zur Aufbewahrung übergeben. Wilhelm Leo starb 1945 im Pariser Exil. In dem Paket befanden sich Zeugnisse einer mehr als 150jährigen Tradition jüdischer Assimilation in Deutschland. Das älteste Dokument stammt aus dem Jahr 1831 und ist ein Brief Alexander von Humboldts an Annette Leos Ururgroßvater, den Berliner Arzt Dr. Julius Leo, der voller Stolz von den nachfolgenden Generationen aufbewahrt wurde. Das eindrucksvollste Dokument ist die Verleihung der Bürgerrechte der „Alten Stadt Magdeburg“ im Jahr 1875 an den Urgroßvater, den Rechtsanwalt Friedrich Philipp Leo. 


1. Salon

Dienstag, 28. April 2015

 

Wie viel Geschichte braucht die Medizin?

Harro Jenss im Gespräch mit Nora Pester

 

Aus Anlass der Gedenktafelenthüllung für Hermann Strauß (28.4.1868–17.10.1944), Mediziner an der Charité und Direktor der Inneren Medizin des Jüdischen Krankenhauses Berlin, lädt der neu gegründete Berliner Salon für jüdische Kultur und Wissenschaft zu seinem ersten Gesprächsabend über historisches Bewusstsein und wissenschaftlichen Fortschritt ein.

 

Gast des Abends: 

Der Mediziner und Autor Harro Jenss, Biograph von Hermann Strauß und Herausgeber seiner Aufzeichnungen, beschäftigt sich seit Jahren mit den nachhaltigen Folgen der Unterbrechung von Forschungskontinuitäten durch die Vertreibung und Ermordung von Wissenschaftlern und die Zerstörung ganzer Forschungsfelder und Erkenntnisprozesse –

 sowohl in den Herkunfts- als auch in den Exilländern. Erinnerungsfiguren wie die „Strauß-Kanüle“ stehen exemplarisch für diese Verluste und zeigen Leerstellen in der etablierten Gedenkkultur auf: Erinnerung nicht nur gegen das Vergessen, sondern auch für das Verstehen der Grundlagen heutiger Innovationen.